
Warum Wissen allein nicht reicht: ein Interview mit Ernährungstherapeutin Lara Barfuß
Viele Menschen, die zu mir in die Praxis nach Waldbröl oder online kommen, wissen bereits unglaublich viel über Ernährung. Sie kennen Kalorien, Makronährstoffe und die vermeintlich „guten“ und „schlechten“ Lebensmittel. Sie haben sich über Jahre mit Ernährung beschäftigt, Bücher gelesen, Podcasts gehört oder unzählige Beiträge in den sozialen Medien gesehen. Und trotzdem erlebe ich immer wieder eine große Verunsicherung.
Ein Teil dieses Wissens ist sehr einseitig. Es dreht sich vor allem darum, was beim Abnehmen hilft, welche Lebensmittel erlaubt sind und welche besser vermieden werden sollten. Vieles basiert auf Ernährungsmythen oder auf der Vorstellung, dass es die eine gesunde Ernährung gibt, die für alle Menschen passt.
Gleichzeitig sitzen in meiner Praxis immer wieder Menschen, die beruflich sehr viel über Ernährung wissen. Zum Beispiel Oecotrophologinnen. Sie bringen wissenschaftlich fundiertes Wissen mit und können Studien einordnen. Trotzdem erzählen auch sie von Unsicherheit im eigenen Essverhalten. Sie beschreiben den Druck, alles richtig machen zu wollen, und die Diskrepanz zwischen dem, was sie wissen, und dem, was im Alltag tatsächlich gelebt wird.
Das finde ich spannend. Denn beide Gruppen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die einen haben vor allem Halbwissen gesammelt, die anderen verfügen über fundiertes Fachwissen. Und trotzdem kämpfen beide mit ähnlichen Fragen. Deshalb frage ich mich immer wieder, ob wir vielleicht an der falschen Stelle nach Antworten suchen.
Natürlich ist Ernährungswissen wichtig. Es hilft zu verstehen, was unser Körper braucht. Gleichzeitig reicht Wissen allein offensichtlich nicht aus. Sonst müssten Menschen mit viel Wissen automatisch entspannter essen. Genau das erlebe ich in meiner Praxis aber nicht. Es gehört mehr dazu: Die Beziehung zum eigenen Körper. Die Fähigkeit, Hunger und Sättigung wahrzunehmen. Den eigenen Signalen wieder zu vertrauen. Und Wissen so zu nutzen, dass es Orientierung gibt, ohne zu einem Regelwerk zu werden.
Aber wie viel Ernährungswissen braucht es eigentlich wirklich? Und was hilft Menschen dabei, dieses Wissen so zu nutzen, dass sie wieder entspannter essen können?
Über diese Fragen habe ich mit Ernährungstherapeutin Lara Barfuß gesprochen.
Warum mehr Ernährungswissen nicht automatisch mehr Sicherheit gibt
Diese Frage, liebe Lena, erinnert mich an ein Gespräch mit einer Klientin. Sie fragte mich einmal: „Wie schaffen Sie das eigentlich, so viel über Ernährung zu wissen, ohne dabei durchzudrehen? Ich weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll.“
Ich musste einen Moment schmunzeln. Denn tatsächlich gab es eine Zeit, in der mich mein Wissen eher verunsichert als beruhigt hat.
Zu Beginn meines Studiums schien mit jedem Semester alles komplexer zu werden. Ich lernte etwas über Nährstoffe, Biochemie, Lebensmitteltechnologie und ernährungsmitbedingte Erkrankungen und gleichzeitig wurde mir immer bewusster, wie viele Fragen die Ernährungswissenschaft gar nicht eindeutig beantworten kann.
Der entscheidende Wendepunkt war für mich deshalb nicht, dass ich immer mehr wusste, sondern, dass ich durch mein Studium und durch Fortbildungen gelernt habe, Wissen einzuordnen. Gerade beim Thema Ernährung ist das wichtig: Kaum ein anderes Thema ist so alltagsnah und gleichzeitig mit so vielen Informationen, Meinungen und vermeintlichen Wahrheiten verbunden. Das Problem ist, dass dieses Wissen oft kontextlos verbreitet und zudem sehr emotional aufgeladen ist. Gerade auf Social Media.
Für viele Menschen wird genau das zur Herausforderung. Aus dem Wunsch, sich „gesund“ zu ernähren, entsteht Verunsicherung. Aus Verunsicherung werden Regeln. Aus Regeln werden Verbote. Aus Empfehlungen werden Verpflichtungen. Deshalb besteht meine Aufgabe als Ernährungstherapeutin für mich nicht darin, möglichst viel Wissen an meine Klientinnen weiterzugeben. Viel wichtiger ist es, Menschen dabei zu unterstützen, Informationen einzuordnen und wieder Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung zu entwickeln.
Im privaten Alltag stellt sich die Situation etwas anders dar. Dort bin ich nicht Ernährungstherapeutin, sondern Tochter, Schwester, Freundin oder Partnerin. Auch ich begegne Ernährungstrends und hitzigen Diskussionen. Die Herausforderung besteht für mich darin, zu unterscheiden, wann meine fachliche Perspektive hilfreich ist und wann Zurückhaltung angemessener wäre. Im beruflichen Kontext habe ich den Auftrag, Orientierung zu geben. Im Privaten habe ich diesen Auftrag nicht.
Mir ist wichtig, dass meine Klientinnen aber wissen: Auch ich ernähre mich nicht perfekt. Nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich es weder muss noch möchte. Es geht darum, den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren: den Menschen, seine Beziehung zum Essen und sein individuelles Erleben. Genau das wünsche ich mir auch meinen Klientinnen: Dass sie irgendwann nicht mehr zuerst Kalorien sehen, sondern sich selbst.
Übrigens hält sich hartnäckig der Mythos, Ernährungstherapeutinnen beschäftigten sich hauptsächlich mit Kalorien und Nährstoffen. Tatsächlich macht genau das nur einen kleinen Teil meiner Arbeit aus. Viel häufiger geht es um Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten und Beziehungen.
Warum Ernährungswissen allein nicht für ein entspanntes Essverhalten reicht
Wir neigen dazu zu glauben, dass viele Informationen automatisch zu Sicherheit führen. Dabei ist es wie beim Autofahren: Man kann die Verkehrsregeln auswendig kennen und sich trotzdem in den Fahrstunden hinter dem Steuer zunächst sehr unsicher fühlen. Sicherheit entsteht erst dann, wenn Wissen mit Erfahrung zusammenkommt. Genau das gilt auch für Ernährung.
Die ständige Informationsflut führt bei vielen Menschen eher zu einer kognitiven Überlastung als zu mehr Klarheit. Aus der Vielzahl an Empfehlungen entsteht Entscheidungsstress. Hinzu kommt, dass Essen weit mehr ist als reine Nährstoffversorgung. Es ist eng mit Emotionen, Beziehungen, Gewohnheiten, kulturellen Normen, sozialen Situationen und unserem Selbstwert verbunden. Nicht selten berührt es auch Themen wie Autonomie, Kontrolle oder Abgrenzung.
Außerdem entwickeln wir unser Essverhalten von Beginn an im Kontakt mit anderen Menschen. Bezugspersonen und unser soziales Umfeld prägen unsere Einstellungen und Gewohnheiten rund um das Essen oft über viele Jahre hinweg.
Das Problem ist, dass all dieses komplexe Erleben in vielen Ernährungsempfehlungen kaum berücksichtigt wird. Stattdessen entsteht häufig der Eindruck, man müsse nur genügend wissen oder genügend Disziplin haben. Dadurch verlieren viele Menschen zunehmend den Kontakt zu ihrem eigenen Körper.
Was müssten Menschen tun, um ihre Beziehung zum Essen möglichst unsicher werden zu lassen?
Wahrscheinlich vor allem eines: dem eigenen Körper immer weniger vertrauen und stattdessen jeder äußeren Regel mehr Glauben schenken.
Zum Beispiel, indem man
- jede Mahlzeit analysiert,
- Lebensmittel ständig in „gut“ und „schlecht“ einteilt,
- jede neue Ernährungsempfehlung ungefiltert übernimmt,
- Kalorien, Schritte oder Makronährstoffe zählt,
- Hunger und Sättigung misstraut (auch hier ordnen wir in der Ernährungstherapie gemeinsam ein z.B. „Ist es Hunger oder ist es Traurigkeit?“)
- Essen vor allem nach Regeln statt nach den eigenen Bedürfnissen auswählt,
- Genuss mit einem schlechten Gewissen verbindet,
- versucht, Essen möglichst perfekt zu machen,
- glaubt, jede Herausforderung rund ums Essen allein bewältigen zu müssen.
… und dabei immer weniger auf die eigenen Körpersignale hört.
Was müssten Menschen tun, um ihre Beziehung zum Essen möglichst unsicher werden zu lassen?
Hinschauen. Denn ohne den Mut, wahrzunehmen, was vor, während und nach dem Essen passiert, bleiben die eigenen Muster und blinden Flecken oft unsichtbar. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Rehabilitation von Lebensmitteln. Es reicht nicht, rational zu wissen, dass es keine guten oder schlechten Lebensmittel gibt. Dieses Wissen muss sich auch im Erleben verankern.
Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, neue Esserfahrungen zuzulassen. Erst durch wiederholte Erfahrungen kann das Gehirn neue Sicherheit lernen. Das braucht Zeit. Geduld und Selbstmitgefühl sind dabei keine Nebensache, sondern wichtige Begleiter des gesamten Prozesses.
Und manchmal braucht es dabei Unterstützung. Niemand würde auf die Idee kommen, ein Haus allein zu bauen, nur weil er ein paar Bücher darüber gelesen hat. Trotzdem erwarten viele von sich, ihre Beziehung zum Essen allein verändern zu müssen. Dabei ist es völlig in Ordnung, sich begleiten zu lassen. Sei es durch eine Ernährungstherapie, Psychotherapie oder andere unterstützende Angebote. Veränderung muss niemand allein schaffen.
Welche Rolle spielt die Beziehung zum eigenen Körper dabei?
Eine zentrale. Die Fähigkeit, intuitiv zu essen, also Hunger, Sättigung und andere Körpersignale wahrzunehmen und dann entsprechend darauf zu reagieren, ist uns grundsätzlich angeboren. Ob dieses Körpervertrauen erhalten bleibt, hängt jedoch maßgeblich von unseren Erfahrungen und unserem Umfeld ab. Verlieren wir das Vertrauen in unseren Körper, orientieren wir uns zunehmend an äußeren Regeln, Zahlen oder Meinungen. Hunger wird hinterfragt, Sättigung ignoriert und die eigenen Bedürfnisse durch Ernährungsregeln ersetzt.
Ein konkretes Beispiel: Jemand nimmt sich vor, abends essen zu gehen, und beschließt deshalb, mittags nichts zu essen. Tritt mittags dennoch Hunger auf, entsteht ein innerer Konflikt. Entweder die Regel wird gebrochen (häufig begleitet von Selbstkritik und dem Gedanken: „Ich bin nicht diszipliniert genug.“), oder der Hunger wird ignoriert. Beides schwächt langfristig das Vertrauen in den eigenen Körper: Im ersten Fall scheint noch mehr Kontrolle notwendig zu sein, im zweiten Lernen wir, Körpersignale zu übergehen.
Bei manchen meiner Klientinnen ist dieser Prozess so weit fortgeschritten, dass sie Hunger kaum noch wahrnehmen. Ein wichtiger Teil der Therapie besteht dann darin, dieses Vertrauen Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Viele meiner Klientinnen reagieren zunächst mit Skepsis. Sie sagen dann: „Dann esse ich ja nur noch.“ oder „Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll.“ Diese Gedanken sind völlig nachvollziehbar. Schließlich haben sie oft über Jahre gelernt, ihrem Kopf mehr zu vertrauen als ihrem Körper. Umso schöner ist es zu erleben, dass mit jeder neuen Erfahrung das Vertrauen wächst.
Wenn ich aus diesem Gespräch eines mitnehme, dann ist es das: Wir brauchen kein perfektes Ernährungswissen. Ganz ohne geht es aber auch nicht.
Intuitives Essen bedeutet nicht, einfach nur zu essen, worauf ich gerade Lust habe. Es ist vielmehr ein innerer Kompass. Dazu gehört, Hunger und Sättigung wahrzunehmen und den eigenen Körpersignalen wieder zu vertrauen. Gleichzeitig hilft es zu wissen, welche Lebensmittel mich langfristig sättigen, mir Energie geben und meinen Körper gut versorgen.
Vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage, mit der dieser Artikel begonnen hat: Was muss ich über Ernährung wirklich wissen?
Genug, um Orientierung zu haben. Aber nicht so viel, dass das Wissen die Verbindung zu meinem eigenen Körper ersetzt.
Schaut doch gerne mal bei Lara rein. Ich arbeite mit ihr zusammen für das Bonner Zentrum für Essstörungen e.V. und tausche mich regelmäßig mit ihr aus. Unsere Fachrichtungen ergänzen sich ganz wunderbar!
Danke für’s Lesen!
Alles Liebe,
Lena


